permanent breakfast RAUMORDNUNGEN

Das Interreg Projekt Raumordnungen wurde 2005 beendet. Die Foren sind daher geschlossen.

Ein wesentliches Ergebnis des internet gestützten Teiles des Projektes ist ein qualifizierter

Verteiler von etwa 2000 email Adressen.

 

Ein weiteres Produkt ist der hier einzusehende Forderungskatalog, der in Alternative zu den

nicht wirklich vom Publikum angenommen Internetforen in direkten Interviews entstanden ist:

 

Katalog für infrastrukturelle Maßnahmen

Partner und PartnerInnen:
Slavonice:
Le petit mort
Native Now www.nativenow.net
INCUREGO
Rakousko
Pawel Duzy
In Mikulov:
Verein tayavölker / Narody Podyji
In Drosendorf:
Filmclub in Drosendorf (Willi Erasmus)
In Hardeck:
Verein/Projekt Dorf(er)leben
Allgemein:
Tschechsich-österreichisches Dialogforum

Präambel
Mit den PartnerInnen und Partnern wurden permanent breakfast durchgeführt, die Problemstellungen der Partnerorganisationen bereits im Vorfeld bewegen:
Der kleine Grenzverkehr und seine Grenzen
Die Übergangs/Ver/stimmungen
Fragen der Minderheiten
Landwirtschaft – Biobauern
Kulturelles Engagement;
Geschichte und Gegenwart
Die Themen kristallisierten sich zu Projektbeginn als die zentralen Fragestellungen der tschechischen ProjektpartnerInnen heraus; die Diskussionen sind auf der DVD „Spurensuche“ dokumentiert; ausgehend von diesen Ereignissen wurden einzelne wichtige VertreterInnen der Vereine, mit welchen wir zusammenarbeiten um ein intensives Gespräch gebeten; dort wo das nicht life möglich war, fanden diese Gespräche via e-mail statt; aus diesen Gesprächen ergab sich der hier folgende Katalog infrastruktureller Maßnahmen im Grenzland.
Folgende Fragen wurden erörtert:
Welche infrastrukturellen Maßnahmen sollten Deiner Meinung nach im Grenzland gesetzt werden, um die realen Kontakte zu verbessern?
Welche Maßnahmen sind notwendig, um die Infrastruktur nutzbar zu machen?
Welche allgemeinen politischen Maßnahmen müssten gesetzt werden?
Wo siehst Du Ursachen heutiger Distanzen oder Kooperationen?
Methode: Offenes, leicht Leitfaden orientiertes Interview;


Infrastrukturelle Maßnahmen:
Ad. 1. Welche infrastrukturellen Maßnahmen sollten Deiner Meinung nach im Grenzland gesetzt werden, um die realen Kontakte zu verbessern?
Öffnen der Grenzen
Als eine der wichtigsten Forderungen wurde immer wieder genannt:
Eine reale Öffnung der Grenzen – sprich das Schaffen der Möglichkeit, zu jeder Zeit die Grenze auch bei kleinen Grenzübergängen passieren zu können;
Alina XX, die Leiterin des Kulturvereines Le petite mort in Slavonice schildert, wie sie bei gemeinsamen Veranstaltungen mit Primmersdorf oder Drosendorf bereits um 22.00 Uhr wieder nach Haus muss (zu einem Zeitpunkt, als die Veranstaltungen gerade am laufen waren!), da der Übergang Fratres/Slavonice nicht länger offen haben.
Förderung des öffentlichen Grenz-Verkehrs
In enger Bezugnahme auf die Maßnahme A) wurde von fast allen GesprächsteilnehmerInnen die Förderung des öffentlichen Verkehrs genannt, und damit ist vor allem die Schaffung kleiner Nebenbahnen für den Personenverkehr gemeint;Beschilderung auf der Autobahn
Eine Maßnahme die sehr schnell gesetzt werden könnte, ist die von grenzüberschreitenden Schildern auf der Autobahn: So sollt man auf einer tschechischen Autobahn nicht nur nach Prag, sondern auch nach Wien geleitet werden.

Förderung grenzüberschreitender Projekte im Rahmen kultureller Zusammenarbeit
In Slavonice haben einige unserer Partner bereits Erfahrungen mit kulturellen EU-Projekten und merkten an, dass es für alle grenzüberschreitenden EU Projekte die notwendigen finanziellen Zuwendungen braucht; problematisch ist es Projekte anzugehen, sobald aus dem eigenen (meist nicht vorhandenen!) Budget vorgeschossen werden muss.Periphärstatus überwinden!
Beide Regionen sind relativ arm, perspektivlos und von der Welt abgeschnitten; alle infrastrukturellen Maßnahmen müsste auf längere Sicht hier ansetzen;
Grenzüberschreitenden Tourismus fördern!
Der Tourismus wäre eine Möglichkeit um die Region als gesamtes zu beleben; dafür braucht es gemeinsame Projekte – diese setzen jedoch voraus, dass die Menschen zusammen arbeiten wollen; es müsste möglich gemacht werden, ohne Problem wechselseitig Zimmer zu reservieren.
Zwischenstaatliche Verträge
Es braucht schlicht Zwischenstaatliche Verträge z.B: über den Grenzverkehr, die dann auch verbindlich sind - So wie dies zwischen Deutschland und Tschechien gut funktioniert: Verträge die den kleinen Grenzverkehr so regeln, dass die Grenzen jederzeit, problemlos zu passieren sind (s.o.) Auch das PraktikantInnen-Abkommen wurde zwar abgeschlossen, aber nicht ratifiziert: sprich es ist zwar rechtskräftig, funktioniert aber nicht, weil die österreichischen Minister bis lang noch keinen Durchsetzungsrichtlinien verabschiedet haben.

Welche Maßnahmen sind notwendig, um die Infrastruktur nutzbar zu machen?Informationen über infrastrukturellen Einrichtungen
Nicht immer sind es neue Maßnahmen oder Einrichtungen, die gebraucht werden, als vielmehr die Möglichkeit grenzüberschreitend einen Zugang zu den Einrichtungen zu bekommen, die es bereits gibt. So weißt uns Sasch Stipsitz vom Grenzverein „Rakousko“ darauf hin, dass es keinen Plan auf deutsch und tschechisch gibt, der alle infrastrukturellen Einrichtungen erfasst, die alle betreffen und die alle brauchen können wie Spitäler oder Schwimmbäder (erfasst sind höchstens die Burgen, die aber vermutlich weniger zum gemeinsamen Kontakt beitragen); kann eigentlich ein Tscheche das Spital in Horn nützen oder eine Österreicherin in Znaim entbinden? Wir vermuteten: Ja! Aber weder wir noch unsere GesprächspartnerInnen konnten diese Frage beantworten; und das beweise doch, wie Stipsitz schmunzelnd meinte, dass es keine Information über die grenzüberschreitende Benutzbarkeit der Einrichtungen gäbe! Broschüren, internetseiten, Informationstage darüber wo es welche Einrichtungen gibt und bitte in beiden Sprachen! Das sei notwendig! Weniger dramatisch aber für den unmittelbaren Austausch vermutlich unabdingbar: Broschüren und / oder Internetseiten, die es ermöglichen, grenzüberschreitende Zimmer zu buchen (s.u.) Bildungs- und kulturpolitische Maßnahmen
Es müsste zu allererst vermittelt werden, woher Ressentiments kommen; ohne einer umfassenden Bildungsarbeit und Geschichtsaufklärung könne kein Fortschritt am Interesse zueinander erwartet werden! Konkret heisst das:
Förderung von Veranstaltungen für Erwachsenenbildung
Kulturelle Veranstaltungen jenseits von Klischees
Aufarbeitung der Geschichte, Ausstellungen, ZeitzeugInnen-Befragungen
SommerakademienGrenzüberschreitende Medien und Foren
Es braucht ein gemeinsames Medium z.B. einen tschechisch-deutschen Jugendsender als Teil der notwendigen Anstrengung einer gemeinsamen europäischen Medienlandschaft: „Solange es keine gemeinsamen Foren gibt, gibt es auch keinen gemeinsamen Austausch“
Hauptproblem Sprachbarriere
Auch unisono wurde von allen PartnerInnen die Sprachbarriere als ein Hauptproblem definiert. Es gäbe in Drosendorf zwar „Willkommens-schilder“ auf tschechisch – das wäre dann aber auch schon alles. Es bräuchte gemeinsame Ankündigungsplakte bei Kulturveranstaltungen u.ä. Gemeinsame bilinguale Bildungsveranstaltungen / Einrichtungen wurden in diesem Zusammenhang gefordert; Es braucht etwas, um die Neugierde zu wecken, nur „billig Einkaufen gehen“ sei auf Dauer zu wenig, so Stipsitz;
Es wäre wohl das Mindeste, so Alina XX, dass alle Veranstaltungsplakate und Broschüren bilingual abgefasst wären.

Ad. 3. Welche allgemeinen politischen Maßnahmen müssten gesetzt werden?
Übergangsbestimmungen und Schengenbestimmungen
Die „Übergangsbestimmungen“ wurden von allen Gesprächsteilnehmenden als höchst problematische, unnachvollziehbare Maßnahme gewertet, die vieles verhindert hätte. Die Teilnahem an den Schengengebiete an Bedingungen zu knüpfen, sei einzusehen – wenn gleich auch hier eine Sorge um Erfüllung der Schengenfristen zu vernehmen war. Dass die Übergangsbestimmungen fielen, wurde von den GesprächspartnerInnen als Vorraussetzung für das Nutzen von grenzüberschreitendne Aktivitäten gesehen: Noch ist für TschechInnen, die sich „drüben“ oft nicht einmal einen Kaffee leisten können, arbeiten zu gehen, die einzige Motivation eines Grenzübertritts.
Mentale Maßnahmen
Ausgehend von der EU müssten mentale (bildungs- und kulturpolitische) Maßnahmen gesetzt werden, um zu erreichen, dass ein Gemeinsames gesehen werde. Dies sei, so Stipsitz, eine europaweite friedenspolitische Notwendigkeit – die Formierung des Projektes Europa sei noch nicht abgeschlossen; Als Beispiel dient für Premysl Janyr die Geschichte der Deutsch-Französischen Beziehungen: Diese hätten die lange Tradition der Feindseeligkeiten tatsächlich hinter sich gelassen und hätten es geschafft, die Sprachbarrieren zu überwinden;Ad. 4 Wo siehst Du Ursachen heutiger Distanzen oder Kooperationen?
Folgende Punkte wurden als Ursache für die Schwierigkeit grenzüberschreitender Kooperationen genannt:
Es gibt nach wie vor keinen Austausch über die gemeinsame, widersprüchliche Geschichte; es wäre nicht gelungen, diese aufzuarbeiten
Vorurteile würden, bedingt durch die Nicht-Aufarbeitung, jeweils an die nächste Generation weiter gegeben.
Es gibt mentale und alltagskulturelle Unterschiede (beginnend bei so harmlosen Dingen wie völlig unterschiedliche Osterbräuche), die oft nicht einmal bewusst sind, die es aber verhindern, dass es zu einer Verständigung kommt: So würden die Tschechen in vielen Fragen viel freizügiger agieren (Körperpolitik, Nutzung des öffentlichen Raumes, Sexualität) und hätten auch ein kollektivistischeres Verständnis von Familie und Kindererziehung.
Es wäre auf österreichischer Seite ein Grundmaß an Respekt ausständig: So zeigte sich, dass das sechst reichste Land der Erde (Österreich) mit der tschechischen Energieproblematik und dem Wunsch, von der Braunkohle wegzukommen mit der Temelin-Diskussion völlig verständnislos umging: Temelin wurde nicht im Kontext einer allgemeinen Atom-Skepsis, sondern mit dem undifferenzierten Tenor: „Sie haben uns da was vor die Nase gesetzt“ diskutiert – niemand habe verstanden, dass die Tschechen keine Wasserkraft haben (Stipsitz).
Beide, so Premysl Janyr vom österreichisch-tschechischen Dialogforum, lebten in „mentaler Isolation“, die auf österreichischer Seite noch von stärkerer Überheblichkeit und Vorurteilen geprägt sei. Als „mentale Isolation“ definierte Janyr einen „geistigen Zusatnd, in dem ich mich von der Welt abkapsle und nur mich selber wahrnehme.“
Folglich sind für Janyr die infrastrukturellen Probleme nicht Ursache, sondern Folge eines gegenseitigen Desinteresses. Hier müsste angesetzt werden, alles andere wäre „Symptombekämpfung“
Beide Seiten sind periphäre, immer noch von der Welt abgeschnittene Regionen mit relativ armer und perspektivloser Bevölkerung; nur jene Art der Zusammenarbeit hätte eine Chance, die umfassend die Perspektivlosigkeit überwinden will.
Die Probleme wären vor allem im Denken und nicht in der Infrastruktur gegeben; es wären die „Grenzen im Kopf“, der Denkhorizont ende an der Grenze;
Ursache für wenig Interesse am Überwindne der Sprachbarrieren wäre auch die Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei. Die harte Sprachgrenze wurde dann noch in 40 Jahren „Stacheldraht“ zementiert; im Gegensatz zu Österreich wurde von Deutschland jedoch Initiative für Normalisierung gesetzt.Konklusio:
Die Stimmung ist, einige Jahre nach dem EU-Beitritt, erstaunlich pessimistisch. Es wird das Aufgenmerk (mit Ausnahme des kleinen Grenzverkehrs) weniger auf konkrete infastrukturelle denn mentale Maßnahmen gelegt: Diese können jedoch nicht punktuell gedacht werden, sondern greifen, wenn dann langfristig. Hier wäre also mit Projekten anzusetzen, die Foren des Dialogs schaffen, die sich vor allem um emotionslose differenzierte Geschichtliche Aufarbeitung und die Fragen der Alltagskultur bemühen. Dass hier „permanent breakfast“ mit seiner „Spurensuche“ nicht als Fakt-Finding-mission für Problemlösungen, sondern als Teil der Lösung empfunden wurde erstaunte und erfreute uns gleichermaßen.