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Der Standard 5. Juni 2000 + Foto
Fruehstuecken gegen Schwarz-Blau / Statt Kettenbriefen setzt ein Kuenstler
auf "Kettenessen" - Thomas Rottenberg
Wien - Wer drinnen sitzt, kriegt oft nicht mit, wie die Botschaft draussen
ankommt. Wenn etwa das Schild "Geschlossene Gesellschaft" auf einem eingezaeunten
Wiesenstueck steht, auf dem an acht Tischchen gefruehstueckt wird, versteht
das (draussen) kaum jemand als doppelsinnigen Protest gegen die Regierung.
Der Kuenstler Friedemann Derschmitt hatte am Samstag auf dem Heldenplatz
zum "Permanent Breakfast" geladen. Die Kettenfruehstuecksidee ist sympathisch
und seit 1996 erprobt: Jeder darf mitessen - und soll dann selbst einladen.
Nach Anna Milchmaedchen fruehstueckt so in einer Woche ganz Wien gemeinsam.
"Heuer demonstrieren wir gegen die drohende nationale und internationale
Verinneroesterreicherung als ,geschlossene Gesellschaft'", postulierte Derschmitt
heuer - und stellte Zaun und Schild auf. Mancher Mitfruehstuecker sah nur
das Schild. Immerhin: dass Abschottung ganz einfach geht, war so trefflich
demonstriert. Weitere Startversuche fuer das "Permanent Breakfast": 17.
Juni: Wien, Heldenplatz. 1. Juli: Graz.
Augustin
NR. 57 / Juni 2000
Coverfoto + vier Fotos innen
Wem gehoert die Stadt?
Im Volkskundemuseum ist eben eine Ausstellung ueber das "nichts tun" angelaufen.
Sie ist nach den verschiedenen Spielarten des Nichtstuns gegliedert: Spazieren,
Promenieren, Flanieren, Herumfahren, "Drahn", Blaumachen, Pausieren, Warten,
Entspannen, "Entschleunigen", Geniessen, Ruhen, Sinnieren und Muessiggehen
(mehr darueber uebrigens im naechsten AUGUSTIN). Eine Erscheinungsweise
des Nichtstuns ist noch zu jung, um in dieser Liste Platz zu finden: das
oeffentliche Fruehstuecken.
Theoretisch muessten die oeffentlich Fruehstueckenden das Wiener Stadtbild
bald mehr praegen wie es heute die zweihundertfuenfzig AUGUSTIN-VerkaeuferInnen
tun. Theoretisch. Als Friedemann Derschmidt und seine Kuenstlergruppe
vor vier Jahren das Projekt "Permanent Breakfast - Das immerwaehrende
Fruehstueck" starteten, hatten sie das Kettenbrief-Prinzip im Kopf. Eine
Person, so die Grundidee, laedt zum Fruehstueck. Die geladenen Personen
verpflichten sich, am naechsten Tag oder zum fruehestmoeglichen Zeitpunkt
jeweils ein weiteres oeffentliches Fruehstueck abzuhalten, dessen Gaeste
wiederum ehebaldigst fruehstuecken. Und so fort. Derschmidt: "Bei einem
Grundsetting von fuenf Personen und der angebrachten Beharrlichkeit kaeme
man am zehnten Fruehstueckstag auf ca. 1,6 Millionen Fruehstueckende."
"Natuerlich nehmen wir dieses Schneeball-Prinzip nicht so tierisch ernst",
fuegt er hinzu. Doch das ironische Spiel mit der Moeglichkeit der Kettenreaktion
traegt dazu bei, dass oeffentliches Fruehstuecken mehr und mehr Kultstatus
gewinnt. Schneeball hin, Kette her: Derschmidt staunt, wie sich die Idee
dann doch herumsprach - "ich habe schon einen ganzen Sack voller Fotos".
Die FruehstuecksaktivistInnen sind naemlich gebeten, ihr ungewohntes Tischleindeckdich
im oeffentlichen Raum zu dokumentieren; Derschmidt sammelt diese Dokumente
fuer eine grosse Ausstellung, die im Rahmen eines bilanzziehenden "Break
Festes" gezeigt werden soll. Die Dunkelziffer ist, wie gehabt, im Dunklen:
Manche Leute stellen einfach Tisch und Sesseln auf den Platz, ohne sich
auf das kuenstlerische Konzept des "Permanent Breakfast" zu beziehen.
(Zw.T.) Je prominenter der Platz, desto unbehelligter die Fruehstueckenden
Der Kern der demonstrativen FruehstueckerInnen sind engagierte, aktive
Leute: Fuer sie gibt´s einiges zu tun bei diesem "Nichtstun" (dass beim
Nichtstun nichts ungetan bleibt, wusste schon Laotse). Kaffee trinkend
Politik machen, das wollten sie von Anfang an: denn die Idee, einen Platz
buchstaeblich zu besitzen und mit einem Anliegen zu besetzen, ist eine
subversive Idee. Zunaechst gilt es, einen passenden Ort zu finden, wobei
das einzige Kriterium seine oeffentliche Zugaenglichkeit waere. "Geradezu
optimal finde ich den Platz vor der Karlskirche", schwaermt Derschmidt.
Hier gefiel die gedoppelte Inszenierung: Die Fruehstueckenden inszenierten
sich vor den Passanten, und die Skateboard-Kids inszenierten sich vor
den Fruehstueckenden. Ausserdem: "Je prominenter der Platz und je praesenter
die Fruehstuecksrunde auf ihm, desto unbehelligter sind die Fruehstueckenden:
Kein Beobachter kann sich vorstellen, dass er eben etwas wahrnimmt, was
nicht sein darf".
Wenn der Platz feststeht, stellt sich die Frage: Wer wird eingeladen?
Im eigenen Saft schmoren kann Spass machen, aber spannender ist es oft,
mit Fremden zu fruehstuecken. Es empfiehlt sich fuer die InitiatorInnen,
auch leere Sesseln aufzustellen, um unverschreckte PassantInnen spontan
einladen zu koennen. "Am besten gelingt das mitten auf dem Fussgaengersteg
ueber den Wienfluss hinterm Stadtpark", weiss Derschmidt: Da muessen die
FussgaengerInnen hautnah an den Fruehstueckenden vorbei. Wenn man so will,
kann man ein oeffentliches Fruehstueck als Potlatch anlegen (indianisches
Wort fuer ein Fest, bei dem die Einladenden ihre Gaeste demonstrativ ueppig
beschenken). In diesem Fall koennten auch am Platz anwesende Clochards
einbezogen werden: "Permanent Breakfast" als soziale Umverteilung im Kleinen.
(Zw,T.) Wer das Fruehstueck als "Veranstaltung" anmeldet, ist selber schuld
Und schliesslich sollte so ein oeffentliches Fruehstueck liebevoll vorbereitet
werden. "Ein Fruehstueck ist ein Fruehstueck und kein Picknick", sagt
der Erfinder von "Permanent Breakfast". Ein Fruehstueck braucht einen
Tisch, der gedeckt sein muss. Spartanisch oder lukullisch - aber gedeckt.
"Die aesthetische Inszenierung macht das Kraut fett", betont Derschmidt.
Bleibt noch die Arbeit des Dokumentierens: Fotografieren, filmen, eventuell
literarisch protokollieren und das ganze Material an Friedemann Derschmidt
schicken. Entfallen kann die Arbeit des Bedienens der Buerokratie. Spielregel
Nr. 7 aus dem acht Punkte umfassenden Regulativ: "Fuer eine (grundsaetzlich
nicht notwendige) Anmeldung des Fruehstuecks als Kundgebung traegt jede(r)
individuell Sorge. Jede(r) ist fuer sein Fruehstueck selbst verantwortlich."
Wer das oeffentliche Fruehstueck als "Veranstaltung" anmeldet, ist selber
schuld - wem gehoert schliesslich die Stadt? Dem Amt Sowieso etwa? Oder
den Geschaeftsleuten? "Permanent Breakfast" reiht sich, als Aktionskunst,
bewusst in die vielfaeltigen Bemuehungen der "Rueckeroberung" des oeffentlichen
Raumes ein - und gesellt sich so zu den Donnerstag-Wandertagen gegen die
blauschwarze Regierung, die inzwischen die neue (aber von der Verfassung
ohnehin gedeckte) Norm des Nichtanmeldens von Kundgebungen verfestigt
haben, ebenso wie zu den AUGUSTIN-Aktionen gegen die Vertreibung von "Randgruppen"
aus dem oeffentlichen Raum. Auch die vom AUGUSTIN initiierte "Neue Wiener
Schule des Pflastemalens" (Seite 3) hat diese "platzgreifende" Bedeutung:
In Wien spueren die beamteten und kommerziellen Reglementierer des Lebens
auf Plaetzen und Strassen Gegenwind.
Aus der nun vierjaehrigen Geschichte von "Permanent Breakfast" sind, so
Derschmidt, kaum verjagte Fruehstuecke bekannt. Einmal unterbrach die
Polizei ein oeffentliches Fruehstueck neben Hrdlickas "Strassenwaschenden
Juden" am Albertina-Platz. Ein Hrdlicka-Schueler wollte das Fruehstueck
zu einer Diskussion zum Thema des Denkmals nutzen, doch die Beamten missverstanden
die Aktion.
Auch ein oeffentliches Fruehstueck in einer Wiener Parkluecke wurde von
der Polizei untersagt. Obwohl die Fruehstueckenden einen Parkschein ausgefuellt
hatten.
Robert Sommer
(Infos)
Initiationsfruehstuecke - also die Auftaktveranstaltungen zur heurigen
Fruehstueckssaison von "Permanent Breakfast" - finden am Samstag, 17.
Juni, 10 Uhr am Wiener Heldenplatz und am Samstag, 1. Juli, 10 Uhr in
Graz statt.
Dokumentationsmaterial schicken an: Friedemann Derschmidt, Witthauergasse
40/2, 1180 Wien. Tel. 0699/ 2012 6035. E-Mail: friedemann@netway.at. Internet:
www.friedemann.at/fruehstueck (Spielregeln zum Herunterladen!).
Grazer Kontakt: Tel. 0316/ 380 25 47 (Michael Wrentschur) oder 0316/ 380
74 80 (Wolfgang Rappel).
Aus den Spielregeln: "Die Eroeffnung unabhaengiger Fruehstuecksketten
ist ausdruecklich erwuenscht"
Welser Rundschau 20. Mai 1999:
Baeckergasse Fruehstueck.
Gefruehstueckt wird schon lange und an verschiedenen Orten. In Wien, Graz,
Innsbruck und Salzburg ist "permanent breakfast" ein wohlbekanntes Projekt.
Nun findet es auch in Wels statt, genaugenommen in der Baeckergasse am Samstag,
22. Mai, 9 bis 13 Uhr. Ihr Kommen zugesagt haben die Galeriesten Peter Baum
und Lienhard Dinkhauser, Starfotograf Abbe Libansky, Kulturreferent Martin
Stieger u.a. "Weil manche Leute Schwellenangst haben, in eine Galerie zu
gehen, begeben wir uns eben mitten ins staedtische Geschehen", erklaert
Caslav Lav von der Galerie Warum. Zusammensetzen und einfach mal reden,
das ist das Ansinnen des Initiators Friedemann Derschmidt.
Kleine Zeitung Sonntag 3. Mai 1998 + Foto:
Ganz Graz als ein Fuehstueckstisch - Haben Sie schon einmal
mit Ihnen fremden Leuten gefruehstueckt? Jetzt haben Sie Gelegenheit dazu.
- von Markus Gruber
Wenn Sie in den naechsten Tagen in der Herrengasse oder auf dem Hauptplatz
ueber Fruehstueckstische stolpern sollten, dann wundern Sie sich nicht.
Denn mit dem schoenen Wetter hat auch die Fruehstueckssaison wieder begonnen.
Zum zweiten Mal findet in Graz naemlich die Aktion "permanent breakfast"
statt. Dies bedeutet soviel wie "andauerndes Fruehstueck". Bei der Aktion,
die von Friedemann Durschmidt erfunden wurde, geht es darum, ein Fruehstueck
an einem oeffentlichen Platz auszurichten und mindestens vier Gaeste einzuladen.
Das einzige, was diese Gaeste als Dank dafuer tun muessen, ist, selbst ein
gleichartiges Fruehstueck auszurichten. So koennte, nach dem Schneeballprinzip,
ganz Graz bald zu einem riesigen Fruehstueckstisch werden. Denn wenn am
ersten Tag fuenf Personen fruehstuecken, muessen zum naechsten Tag bereits
vier Leute einen Schmaus ausrichten. Wie viele Personen schmausen dann wohl
am zehnten Tag? Den Sinn hinter der Aktion erklaert Friedemann Durschmidt
so: "Verschiedene Leute können sich beim morgendlichen Imbiß kennenlernen
und miteinander kommunizieren." Erfunden wurde "permanent breakfast" in
Wien durch einen Zufall: "Ich war mit Freunden in Wien unterwegs, und wir
wollten noch etwas essen. Und das wollten wir am Karlsplatz vor der Kirche
tun. Da ein Freund von mir gleich in der Naehe in einem Lokal arbeitet,
borgten wir uns von ihm einen Tisch und ein paar Sessel. Und als wir da
so saßen, erlebten wir, wie der Platz zur Kulisse wurde und wie sich langsam
eine Wechselbeziehung zwischen uns und den Passanten ergab", erzählt der
freischaffende Kuenstler. Nach Graz kam der erste oeffentliche Fruehstueckstisch
vor einem Jahr und stiess auf grosse Zustimmung. Auch prominente "Mitfruehstuecker"
kann die Aktion bereits vorweisen. So speiste bereits Ex-Moderatorin Ursula
Stenzel oeffentlich am Michaeler-Platz in Wien. Derschmidt schmunzelt: "Das
Spiel dauert a, solange jemand die Initiative ergreift..."
Falter 19/98 + zwei Fotos:
Fruehstueck.
Der Mai das Fruehstueck und das Picknick gehoeren zu den groessten Segnungen
der Zivilisation (gleich nach dem Penicillin). So ist es kein Wunder, dass
die dritte Auflage von Friedemann Derschmidts Kettenbrieffruehstueck "Permanent
Preakfast" am ersten Mai alljaehrlich zu den Hits des Warmzeitbeginns zaehlt:
Fruehstueckstische an oeffentlichen Orten aufgestellt, Passanten eingeladen
- und am naechsten Tag soll jeder Mitesser selbst veranstalten. Wundernette
Idee - Nachahmung ausdruecklich empfohlen.
Der Standard 4./5. Mai 1996 + ein Foto:
Die Kunst, oeffentlich zu essen.
Wien - Offener Raum als Medium, Picknick als Kunstwerk, Kunstwerk als Kommunikations-
mittel, durch welches der urspruengliche offene Raum eine Veraenderung erfaehrt:
So einfach kann ein Fruehstueck im Freien sein. (...) Das oeffentliche Fruehstueck,
das am Mittwoch am Schwarzenbergplatz begonnen wurde, funktioniert nach
dem Schneeballsystem. Fünf Personen saßen am Tisch und aßen. Jede dieser
Personen organisierte am darauffolgenden Tag ein eigenes Fruehstueck und
lud weitere vier Personen zu sich an den Tisch. Alle diese sollten das fuer
den naechsten Tag ebenfalls tun . Und nach einer von den "Kulturspektakel"
aufgestellten "Milchmaedchenrechnung" koennten am 10.Mai insgesamt 1,6 Millionen
Personen in Wien frühstücken. Mit dem alleinigen Zweck, eben zu fruehstuecken
um die Veraenderung des Raumes zu erleben. Indem sie sich als Kommunikationsmittel
selbst zu einem oeffentlichen Kunstwerk machen. (fei) |
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